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Friedenskirche

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Die Friedenskirche Bergkamen, gelegen an der Schulstraße 156, ist das vermutlich sympathischste Beispiel dafür, wie man aus einem theologischen, architektonischen und finanziellen Abenteuer ein Erfolgsprojekt mit Kultstatus macht. Die Friedenskirche entstand in einer Phase, in der Bergkamen aus sechs Dörfern zu einer jungen Stadt zusammenwuchs. Ihr Bau setzte ein sichtbares Zeichen dafür, dass in der neuen City ein gemeinsamer Mittelpunkt entstehen sollte. Die Kirche wurde bewusst an einer markanten städtebaulichen Schnittstelle platziert – zwischen Rathaus, Wohnhochhäusern und Geschäftsbereichen – und entwickelte sich schnell zu einem sozialen, kulturellen und geistlichen Zentrum. Ihre Lage, ihre offene Raumkonzeption und ihr Anspruch, Kirche auf Augenhöhe zu sein, machten sie zu einem Symbol für das Selbstverständnis einer modernen Stadtgesellschaft. Damit verkörpert die Friedenskirche die kirchliche und kommunale Transformationsphase der 1970er/80er Jahre auf exemplarische Weise und besitzt aufgrund ihrer Rolle im städtischen Gefüge eine eindeutige historische und identitätsstiftende Bedeutung für Bergkamen. Gebaut wurde die Friedenskirche ab 1981 und am 5. September 1982 eingeweiht – allerdings als „Kirche light“, denn wesentliche Zutaten wie Orgel und Glocken fehlten zunächst noch.

Das sollte aber niemanden wundern: Die Gemeinde lebte damals ganz nach der Jahreslosung „Vergesst nicht Gutes zu tun…“ – und half erst anderen, bevor sie sich selbst etwas gönnte.

Geschichte[Bearbeiten | Quelltext bearbeiten]

Nach der kommunalen Neuordnung 1966 wurde Bergkamen größer, vielfältiger, städtischer – und die evangelische Gemeinde platzte bald aus allen Nähten. Bereits 1971 wurde die Gründung der „Friedenskirchengemeinde“ beschlossen, 1975 kaufte man das Grundstück. Das Presbyterium entschied sich 1980 endgültig für den Neubau. Und weil man früh das Motto „Qualität statt Größe“ hörte, wurde ein mehrzweckorientierter Bau realisiert, der als Symbol des Zusammenwachsens gebaut wurde.

→ Ein Pfarrbezirk gehörte zu Bergkamen, der andere ursprünglich zu Weddinghofen.

Architektur[Bearbeiten | Quelltext bearbeiten]

Die Architekten Krug und van der Minde (Hagen) entwarfen ein Gebäude, das sich weigerte, eine klassische Kirche zu sein. Stattdessen bekam Bergkamen eine Kirche mit Innenhof, Gruppenräumen, Jugendbereich und – natürlich – einem Kirchsaal. Eine Art „multifunktionales Gemeindezentrum mit Altar-Upgrade“. Der Turm, als vertikaler Akzent gesetzt, widerspricht dem damals verbreiteten Trend des „Turmverzichts“. Den theologischen Zeitgeist nahmen die Architekten ernst: Altar und Kanzel bzw. Lesepult auf Augenhöhe, es gab nur eine Stufe. Gott spricht eben nicht mehr „von oben herab“.

Inneneinrichtung[Bearbeiten | Quelltext bearbeiten]

Alle Prinzipalstücke – Altar, Kanzel, Taufbecken – bestehen aus alten Spurlatten aus dem Bergbau, die die Gemeinde solidarisch geschrubbt hat, bis kein Krümel Kohle mehr dran war. Wer das schafft, der lässt sich auch von strukturellen Problemen beim Kirchbau nicht mehr entmutigen. Das Kreuz dagegen wurde aus neuen Spurlatten gebaut – als Symbol für Bergkamens Wandel nach dem Ende des Steinkohlebergbaus.

Glocken[Bearbeiten | Quelltext bearbeiten]

Die Friedenskirche Bergkamen erhielt ihr fünfstimmiges Geläut erst am 1. Advent 1996, vierzehn Jahre nach der Einweihung der Kirche im Jahr 1982. Die späte Installation war das Ergebnis eines langen Spendenprozesses, den besonders Pfarrer Erhard Kayser mit großem Engagement vorantrieb. Unter anderem ließ er kleine Messingglocken gießen, die als frühe Form des „Gemeinde-Merchandisings“ verkauft wurden; der gesamte Erlös floss in die Glockenkasse.

Bei den Planungen stellte sich heraus, dass beim Bau des Turms keine Öffnung für Glocken vorgesehen worden war. Da ein klassisches großes Geläut baulich nicht möglich war, entschied man sich für fünf kleinere, exakt aufeinander abgestimmte Glocken. Um die größte Glocke in den Turm zu heben, musste ein Turmfenster ausgebaut und zusätzlich ein Teil des unteren Glockenrings aus dem Beton ausgeschnitten werden – die Aussparungen sind bis heute sichtbar.

Vor der Installation des Geläuts nutzte die Gemeinde Glockengeläut vom Band, darunter Aufnahmen großer Dome. Für das tatsächliche Geläut reiste ein Glockensachverständiger an, vermasste alle umliegenden Kirchenglocken in Bergkamen und Weddinghofen und stimmte die fünf Glocken der Friedenskirche präzise darauf ab – damit in Bergkamen ein harmonisches Stadtgeläut erklingen konnte.

Die Glocken tragen nicht nur Inschriften, sondern auch Bildmedaillons der Künstlerin Gisela Schmidt, die die jeweilige Funktion der Glocke visualisieren:

  • Die Gebetsglocke zeigt Menschen in verschiedenen Gebetshaltungen.
  • Die Auferstehungsglocke zeigt einen endlosen Zug von Menschen, die – zu Fuß, mit Gehhilfen oder getragen – ins Paradies heimkehren.

Damit verbinden die Glocken der Friedenskirche lokale Geschichte, künstlerische Gestaltung und theologisches Symbolgut zu einem einzigartigen Ensemble.

Kunst[Bearbeiten | Quelltext bearbeiten]

Künstlerische Beiträge prägen die Kirche seit Beginn:

  • Gisela Schmidt: Batiken, die gesamte Krippenlandschaft, Motive auf den Glocken. → Auf der Gebetsglocke: betende Menschen in allen Haltungen. → Auf der Auferstehungsglocke: ein endloser Zug von Menschen auf dem Weg ins Paradies – mit Rollator, getragen, gehend.
  • Mehmet Uyanik: „Sicht aus der Krippe“ – ein Geschenk für erfahrene Unterstützung.
  • Ein polnisches Madonnenbild.
  • Später: neue Fensterentwürfe von Günther Grohs, um den Kirchraum „innovativer zu beleuchten“.

Die Kirche heute[Bearbeiten | Quelltext bearbeiten]

Die Friedenskirche wurde ein Treffpunkt für:

  • Frauenhilfe (über 360 Mitglieder in den 80ern!)
  • Offene Jugendarbeit
  • Ökumenische Begegnungen
  • Ausstellungen lokaler Künstler
  • Den „Runden Tisch gegen Ausländerfeindlichkeit“
  • Seniorennachmittage, Seelsorge, Blues-Kreuz-Treffen

Die Räume tragen die Namen großer FriedensstifterInnen:

Mutter Theresa, Mahatma Gandhi, Johann Hinrich Wichern – inklusive passender Diskussionen damals, ob das wirklich nötig sei. (Antwort: Ja.)

Literatur[Bearbeiten | Quelltext bearbeiten]

  • Althöfer, Ulrich (2008): Keine Türme, keine Glocken, keine Orgeln. Ein Paradigmenwechsel im kirchlichen Bauen um 1968? In: 1968 und die kirchliche Architektur, Bielefeld, S. 117–129.
  • Althöfer, Ulrich (2011): GHAT HEN DIE GANZE WELT… Bilder und Räume der Taufe in der Evangelischen Kirche von Westfalen. Münster.
  • Evangelische Friedenskirchengemeinde Bergkamen (1982): Festschrift zur Einweihung der Evangelischen Friedenskirche Bergkamen am 5. September 1982. Bergkamen.
  • Evangelische Friedenskirchengemeinde Bergkamen (1992): 10 Jahre Friedenskirche Bergkamen. Herausgegeben vom Presbyterium und Gemeindebeirat der Bezirke Friedenskirche. Bergkamen.
  • Evangelische Gemeinden zwischen Ruhr und Lippe (1982): Der Kirchenkreis Unna. Unna.
  • Kirchbau Report 1 (1980): Informationen über das Bauprojekt Gemeindezentrum City Bergkamen. Herausgegeben vom Kirchbauplanungsausschuss der Evangelischen Kirche von Westfalen. Dortmund.
  • LK Baureferat (2005): Bauvorgänge Friedenskirchengemeinde Bergkamen. Archivunterlagen des Landeskirchenamtes der Evangelischen Kirche von Westfalen.
  • Murken, Jens (2010): Die evangelischen Gemeinden in Westfalen. Münster.
  • Presbyterium Bergkamen-Frieden (1980–1982): Planungsvorlagen, Beschlüsse und Architektenunterlagen zum Neubau der Friedenskirche (Krug / van der Minde, Hagen). Dokumentiert u. a. im Inventarblatt der Evangelischen Kirche von Westfalen.
  • Wettbewerbe Aktuell 12/1976: Dokumentation des Architektenwettbewerbs zum Gemeindezentrum City Bergkamen.
  • Grohs, Günther (2010–2011): Entwürfe zur farbigen Neuverglasung des Kirchraumes der Friedenskirche Bergkamen. Gemeindeunterlagen.
  • Schmidt, Gisela (1980er–1990er): Gestaltungen für die Friedenskirche Bergkamen (Batiken, Glockenscheiben, Krippenlandschaft). Gemeindearchiv.
  • Uyanik, Mehmet (1980er): Sicht aus der Krippe. Kunstinstallation in der Friedenskirche Bergkamen. Gemeindearchiv.
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