Friedenskirche
Friedenskirche Bergkamen
Die Friedenskirche Bergkamen, gelegen an der Schulstraße 156, ist das vermutlich sympathischste Beispiel dafür, wie man aus einem theologischen, architektonischen und finanziellen Abenteuer ein Erfolgsprojekt mit Kultstatus macht. Gebaut wurde sie ab 1981 und am 5. September 1982 eingeweiht – allerdings als „Kirche light“, denn wesentliche Zutaten wie Orgel und Glocken fehlten zunächst noch.
Das sollte aber niemanden wundern: Die Gemeinde lebte damals ganz nach der Jahreslosung „Vergesst nicht Gutes zu tun…“ – und half erst anderen, bevor sie sich selbst etwas gönnte.
1. Geschichte
Nach der kommunalen Neuordnung 1966 wurde Bergkamen größer, vielfältiger, städtischer – und die evangelische Gemeinde platzte bald aus allen Nähten. Bereits 1971 wurde die Gründung der „Friedenskirchengemeinde“ beschlossen, 1975 kaufte man das Grundstück. Das Presbyterium entschied sich 1980 endgültig für den Neubau. Und weil man früh das Motto „Qualität statt Größe“ hörte, wurde ein mehrzweckorientierter Bau realisiert, der als Symbol des Zusammenwachsens gebaut wurde.
→ Ein Pfarrbezirk gehörte zu Bergkamen, der andere ursprünglich zu Weddinghofen.
2. Architektur
Die Architekten Krug und van der Minde (Hagen) entwarfen ein Gebäude, das sich weigerte, eine klassische Kirche zu sein. Stattdessen bekam Bergkamen eine Kirche mit Innenhof, Gruppenräumen, Jugendbereich und – natürlich – einem Kirchsaal. Alles auf verschiedenen Ebenen. Eine Art „multifunktionales Gemeindezentrum mit Altar-Upgrade“. Den theologischen Zeitgeist nahmen die Architekten ernst: Altar und Kanzel bzw. Lesepult auf Augenhöhe, es gab nur eine Stufe. Gott spricht eben nicht mehr „von oben herab“.
3. Inneneinrichtung
Alle Prinzipalstücke – Altar, Kanzel, Taufbecken – bestehen aus alten Spurlatten aus dem Bergbau, die die Gemeinde solidarisch geschrubbt hat, bis kein Krümel Kohle mehr dran war. Wer das schafft, der lässt sich auch von strukturellen Problemen beim Kirchbau nicht mehr entmutigen. Das Kreuz dagegen wurde aus neuen Spurlatten gebaut – als Symbol für Bergkamens Wandel nach dem Ende des Steinkohlebergbaus.
4. Glocken
Die Glocken sind legendär – und das nicht nur, weil sie erst 1996, also 14 Jahre nach der Einweihung, kamen.
Das Problem:
Bei der Planung wurde schlicht vergessen, eine Öffnung für die Glocken vorzusehen.
Die Lösung:
- Man goss fünf kleinere Glocken (statt einer großen).
- Man schnitt kurzerhand ein Stück Beton aus dem Turm.
- Und man nahm das Fenster vorher heraus, „damit die größte Glocke irgendwie durchpasst“.
- Der Glockensachverständige reiste extra an und maß alle Glocken der Umgebung aus, damit das neue Geläut stimmig klingt. → Heute läuten in Bergkamen alle Glocken zusammen wie ein Chor, der heimlich Stimmbildung genommen hat.
Fun Fact:
Vorher gab es Glockengeläut vom Band – u. a. aus Köln oder Ulm. High-Tech in den 1980ern.
Merchandising, bevor es hip war
Pfarrer Kayser ließ kleine Messingglocken verkaufen, um die großen Glocken zu finanzieren. Heute würde man sagen: Limited Edition Community Collectibles.
5. Kunst
Künstlerische Beiträge prägen die Kirche seit Beginn:
- Gisela Schmidt: Batiken, die gesamte Krippenlandschaft, Motive auf den Glocken. → Auf der Gebetsglocke: betende Menschen in allen Haltungen. → Auf der Auferstehungsglocke: ein endloser Zug von Menschen auf dem Weg ins Paradies – mit Rollator, getragen, gehend.
- Mehmet Uyanik: „Sicht aus der Krippe“ – ein Geschenk für erfahrene Unterstützung.
- Ein polnisches Madonnenbild.
- Später: neue Fensterentwürfe von Günther Grohs, um den Kirchraum „innovativer zu beleuchten“.
6. Ein Ort des Dialogs – weit über Bergkamen hinaus
Die Friedenskirche wurde ein Treffpunkt für:
- Frauenhilfe (über 360 Mitglieder in den 80ern!)
- Offene Jugendarbeit
- Ökumenische Begegnungen
- Ausstellungen lokaler Künstler
- Den „Runden Tisch gegen Ausländerfeindlichkeit“
- Seniorennachmittage, Seelsorge, Blues-Kreuz-Treffen
Die Räume tragen die Namen großer FriedensstifterInnen:
Mutter Theresa, Mahatma Gandhi, Johann Hinrich Wichern – inklusive passender Diskussionen damals, ob das wirklich nötig sei. (Antwort: Ja.)
Literatur
- Althöfer, Ulrich (2008): Keine Türme, keine Glocken, keine Orgeln. Ein Paradigmenwechsel im kirchlichen Bauen um 1968? In: 1968 und die kirchliche Architektur, Bielefeld, S. 117–129.
- Althöfer, Ulrich (2011): GHAT HEN DIE GANZE WELT… Bilder und Räume der Taufe in der Evangelischen Kirche von Westfalen. Münster.
- Evangelische Friedenskirchengemeinde Bergkamen (1982): Festschrift zur Einweihung der Evangelischen Friedenskirche Bergkamen am 5. September 1982. Bergkamen.
- Evangelische Friedenskirchengemeinde Bergkamen (1992): 10 Jahre Friedenskirche Bergkamen. Herausgegeben vom Presbyterium und Gemeindebeirat der Bezirke Friedenskirche. Bergkamen.
- Evangelische Gemeinden zwischen Ruhr und Lippe (1982): Der Kirchenkreis Unna. Unna.
- Kirchbau Report 1 (1980): Informationen über das Bauprojekt Gemeindezentrum City Bergkamen. Herausgegeben vom Kirchbauplanungsausschuss der Evangelischen Kirche von Westfalen. Dortmund.
- LK Baureferat (2005): Bauvorgänge Friedenskirchengemeinde Bergkamen. Archivunterlagen des Landeskirchenamtes der Evangelischen Kirche von Westfalen.
- Murken, Jens (2010): Die evangelischen Gemeinden in Westfalen von der Reformation bis heute. Münster.
- Presbyterium Bergkamen-Frieden (1980–1982): Planungsvorlagen, Beschlüsse und Architektenunterlagen zum Neubau der Friedenskirche (Krug / van der Minde, Hagen). Dokumentiert u. a. im Inventarblatt der Evangelischen Kirche von Westfalen.
- Wettbewerbe Aktuell 12/1976: Dokumentation des Architektenwettbewerbs zum Gemeindezentrum City Bergkamen.
Künstlerische Gestaltung
- Grohs, Günther (2010–2011): Entwürfe zur farbigen Neuverglasung des Kirchraumes der Friedenskirche Bergkamen. Gemeindeunterlagen.
- Schmidt, Gisela (1980er–1990er): Gestaltungen für die Friedenskirche Bergkamen (Batiken, Glockenscheiben, Krippenlandschaft). Gemeindearchiv.
- Uyanik, Mehmet (1980er): Sicht aus der Krippe. Kunstinstallation in der Friedenskirche Bergkamen. Gemeindearchiv.
Architektur
- Krug, Fritz / van der Minde, Hagen (1980–1982): Architekturentwurf für die Friedenskirche Bergkamen. Dokumentiert im Inventarblatt Friedenskirche Bergkamen der Evangelischen Kirche von Westfalen.